KFZ Poggel & Neubauer GbR
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Ein Ü-Wagen namens Bläuling

Große Klappe, viel dahinter: Jede Menge Kabel verbergen sich hinter der Heckklappe des Ü-Wagens. 40 einzelne Mikrofone können damit im Wagen zusammengeführt werden. Das orange Ding auf der rechts ist der Antennenmast, mit der früher live in die Sendeanstalt übertragen wurde.

Die Werkstatt Poggel hält Rundfunk-Oldtimer fit für den europaweiten Aufnahme-Einsatz

von Gerd von Gendorf

Der Gohrer Tonmeister Holger Siedler ist mit seinem rollenden Studio in ganz Europa unterwegs. „Violetta“ heißt der legendäre Rundfunk-Übertragungswagen, mit dem die beliebte WDR-Moderatorin Carmen Thomas die Sendung „Hallo Ü-Wagen“ von den Marktplätzen zwischen Rhein und Ruhr übertrug.


„Bläuling“ ist das vierrädrige Brüderchen von „Violetta“, weil ihm nun mal der Rotstich in der blauen Außenhaut fehlt. Und im Gegensatz zum „Hallo Ü-Wagen“-Gefährt ist der bald 30-jährige Oldtimer immer noch in der Republik unterwegs, um mit dem Gohrer Tonmeister Holger Siedler vom THS-Studio Konzerte von Profimusikern sowie engagierten Laienorchestern und -chören aufzuzeichnen.


Damit sein „Bläuling“ mobil bleibt, vertraut der 63-jährige Tontechniker sein rollendes Studio nur den Jungs der Werkstatt Poggel an. Aus gutem Grund: Werkstatt-Mitinhaber Martin Neubauer versteht nicht nur eine Menge von Automobilen, sondern lernte selbst das Tontechniker-Handwerk. Anfang der 80er Jahre in den CRS-Studios in Los Angeles. Er war dabei, wenn Superbands wie Deep Purple und Kool & the Gang ihre LPs einspielten. Kein Wunder also, dass die beiden sich trafen und fanden: „Als Holger vor einigen Wochen zum ersten Mal mit seinem Ü-Wagen hier vor der Türe stand, schloss sich für mich ein Stück Lebenskreis. Das Ziehen der vertrauten Regler am riesigen Mischpult ging mir nahe. Ja, ich geb’s gerne zu.“ Der Magirus-Deutz-Laster stammt aus der letzten Baureihe, bevor die Firma Iveco aufging. Unter der Haube arbeitet ein 4-Zylinder-Diesel mit Luftkühlung. Er leistet 85 PS und gilt unter Kennern als „unkaputtbar“. Der Sechstonner kann auf eine bewegende Geschichte zurückblicken: Von Anfang der 80er Jahre an diente er als Ausbildungs-Ü-Wagen beim Bayrischen Rundfunk in Nürnberg.

Tontechniker unter sich: Martin Neubauer (l.) und Holger Siedler fachsimpeln im mobilen Studio.

„Das Ziehen der vertrauten Regler am riesigen Mischpult ging mir nahe.“ Martin Neubauer, Mitinhaber der Poggel-Werkstatt.

Als er dann Anfang des Jahrtausends ausgemustert werden sollte, rettete ihn ein Kollege von Holger Siedler vor der Schrottpresse. 2009 erwarb der Gohrer den Wagen, der „inzwischen in der Eifel Grünspan angesetzt hatte“. Siedler: „Es rochmodrig da drin und Schimmel hatte sich breit gemacht.“ Aber der Kern, eine aufwändige akustische Dämmung, die seinerzeit vom Frauenhofer Institut entwickelt worden war, war zum Glück gesund.
Gemeinsam mit einem befreundeten NDR-Techniker baute er den „Bläuling“ neu auf. Der Studioboden erhielt einen Parkettbelag und jede Menge Technik vom Feinsten. Herzstück ist ein Alesis-X2-Mischpult, über das 48 Spuren analog gemischt werden können. Und modernen Dolby-Surround-Technik. Siedler: „Alles ist crashsicher, weil wie im Flugzeug doppelt ausgelegt. Denn bei Live-Aufnahmen darf nichts schiefgehen.

"Testa Rossa", aber nicht im Ferrari: Marcel Hocke legt Hand an die roten Zylinderköpfe des luftgekühlten Diesel-Oldies. Fotos: goodcomm


“ Bläuling schaut auf bewegende Geschichte zurück"


Siedler, der für ein renommiertes Klassik-Label und diverse öffentlich-rechtliche Radiosender arbeitet, sieht sich als „Produzent und Bewahrer von Kulturgut“. Mit diesem Auftrag im Musikherzen ist er mit seinem hellblauen Sechstonner in ganz Europa unterwegs. Dabei hat er Aufregendes und manchmal auch Musikhistorisches erlebt: So zum Beispiel nahm er unter Polizeischutz live das Konzert des jüdischen Orchesters während der Bayreuther Festspiele auf. Die israelischen Musiker spielten Richard Wagner, was nach wie vor in Israel verboten ist wegen Wagners Nähe zum Nationalsozialismus. Und es gab Morddrohungen, so dass Spürhunde den Konzertsaal inspizieren mussten. Siedler: „Nach der Aufnahme kamen die Musiker zu mir in den Ü-Wagen, um die Aufnahme zu hören. Sie waren sehr bewegt und hatten Tränen in den Augen".

Wenn in der Werkstatt diverse Roststellen am „Bläuling“ beseitigt sind, die Leckage am Bremssystem abgedichtet und die TÜV-Plakette erneuert ist, geht es wieder auf große Tour. Holger Siedler: „Mein rollendes Studio hat ein grünes Kennzeichen und ist damit laut Gesetz eine ’selbstfahrende Arbeitsmaschine’. Und in der Tat ist ’Bläuling’ wohl einer von wenigen Oldtimern, die ihren Unterhalt selbst verdienen müssen.“

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